Schuld: Die Verborgene Ursache unserer Erfahrung

[Die Praxis der Vergebung, sagt Tom Carpenter, in diesem außergewöhnlich klarem Artikel, wird unser Gottgeschaffenes Selbst offenbaren.] Niemand greift jemanden an, wenn sie in Frieden innerhalb ihrer selbst sind. Alles was wir äußerlich in der Welt ‚sehen’, ist ein Spiegel des inneren Bildes, das wir von uns selbst haben. Alles. Durch diesen Grundsatz wird keiner […]

[Die Praxis der Vergebung, sagt Tom Carpenter, in diesem außergewöhnlich klarem Artikel, wird unser Gottgeschaffenes Selbst offenbaren.]

Niemand greift jemanden an, wenn sie in Frieden innerhalb ihrer selbst sind. Alles was wir äußerlich in der Welt ‚sehen’, ist ein Spiegel des inneren Bildes, das wir von uns selbst haben. Alles. Durch diesen Grundsatz wird keiner angegriffen durch einen anderen, wenn sie im Frieden innerhalb ihrer selbst sind. Egal wie es aussieht, wir sind alle verbunden innerhalb eines einzigen Bewusstseins, jeder von uns, vollkommen den Überzeugungen entsprechend, die wir alle teilen. Diejenigen, die ein Opfer sein möchten, müssen denjenigen finden, der dieses Bedürfnis am besten befriedigt.

Unabhängig davon, wie hart wir uns bemühen, es anders zu machen, dies ist eine ‚mentale’ Welt. Wir sind nicht aufgebracht durch das, was jemand tut, sondern durch unsere Interpretation davon, wie das unser eigenes Selbst-Bild berührt, unsere wahrgenommenen Bedürfnisse und das, was uns in Sicherheit hält.

Aller Angriff und Verteidigung, die nach außen gerichtet sind, sind Symptome eines inneren Konflikts, besser bekannt als Schuld. Deshalb kann Angriff niemals irgendein Problem      auflösen. Er benennt oder befriedigt niemals den wahren Grund unseres Konflikts, der innerhalb der Selbst-Wahrnehmung von beiden liegt, dem, der angreift, und dem, der einen Wert darin findet, ein Opfer davon zu sein. Das einzig sichere Resultat ist diese Schuld, und der Kreislauf von Angriff und Verteidigung wird in Gang gehalten.

Drehbuch unserer Überzeugungen

Das zu hören sind harte Worte, besonders wenn es Kinder sind, die die Hauptlast unseres Leidens zu tragen scheinen. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendjemand, ganz zu schweigen ein Kind, einen Wert finden würde in den vielen Arten schrecklichen Leidens, das wir in unserer Welt miterleben. Aber die Wahrheit bleibt: unsere Erfahrung in dieser Welt kann nur eine Geschichte sein, die aus dem Script unserer Überzeugungen gemacht wurde. Wie es scheint, trägt ein Kind die ganze Zeit über das Gepäck von vielen Leben unserer Geschichte und wird die Erfahrung fortsetzen, bis die Überzeugung gewandelt ist.

Was auch wahr ist, dass es keine Geschichte gibt, die stark genug ist, die Natur unseres unendlichen Selbst zu verändern. Es gibt keinen Schmerz, der unsere Geschichte überschreiten kann oder wird. Es gibt keinen Tod. Alle Lebens-geschichten werden eines Tages enden. Und wenn sie das tun, wird nichts übrig bleiben, das unsere Vision von Gottes Vollkommenem Kind stört.

So schwer es auch zu akzeptieren ist, wir sind verantwortlich für unsere Lebenserfahrung Es ist wirklich die „Gute-Nachricht“-Seite der Geschichte, weil es bedeutet, dass wir unsere Welt ändern können: von einer aus Schmerz zu einer aus Frieden. Vergebung bricht den Kreislauf von Angriff und Rache auf, durch Anerkennen, dass keiner dir irgendetwas getan hat. Ob du in der Lage bist, die Illusion der Welt zu sehen, oder einfach verantwortlich bist für deine eigene Geschichte darin, – du hast keine Rechtfertigung gefunden, jemanden dafür zu verurteilen, dass er die Rolle übernimmt, nach der du ihn oder sie gefragt hast. Es ist nun offensichtlich, was es bedeutet, in dieser Welt frei zu sein.

Bedeutung von Selbstwert

Über viele Leben, in allen Kulturen, haben wir darum gekämpft, eine Bedeutung von Selbstwert in dieser Welt zu finden. Unser Drang, uns zu verbessern, unseren Wert zu messen durch das, was wir schaffen, ist Beleg unseres Gefühls, dass wir unvollkommen geboren sind.

Die Ursache dieses Gefühls, dass da etwas fehlt  für das Bedürfnis, unseren Selbstwert zu bekunden, ist ein so tief verstecktes, so ‚natürliches’ Schuldgefühl, dass es überhaupt nicht hinterfragt wird. Es scheint weit mehr geeignet zu sein, unsere Unwissenheit und Unfähigkeiten zu behaupten als unsere Talente und liebenden Instinkte. Wenn wir auf diese Welt schauen und all das Leiden sehen, das wir uns und einander zufügen, sehnen wir uns nach einem besseren Weg, wissen aber mangels Kenntnis der wahren Ursache nicht, wie wir das ändern können. Wir haben falsch wahrgenommen, dass die Ursachen der Welt in der Welt liegen, aber es sind unsere Gedanken, gesteuert durch unsere verborgene Schuld, die verant-wortlich sind für den Kummer und den Hass, die Krankheit und die ‚natürlichen’ Katastrophen, die in unserer Welt geschehen.

Wir haben unsere Schuldgefühle dazu benutzt, ein Bild davon zu erzeugen, wie wir denken und was wir sind, und dieses Bild dann in unserem Geist als Wirklichkeit sein zu lassen, ersetzend für das, wie Gott uns schuf. Unsere Welt und all unsere Erfahrung darin sind zustande gekommen auf Grund unseres Bestrebens, uns selbst neu zu erschaffen; etwas wirklich zu machen, das verschieden ist von dem, was Gott ist und wie wir folglich genau so sein müssen. Seine Schöpfung durch unsere eigene Schöpfung zu ersetzen, das ist so grundverschieden und hat zur Folge, dass wir uns getrennt fühlen von Ihm, von unseren Brüdern, die wie Er sind, und ebenso von unserer Ganzheit.

Was wir lernen werden, wenn wir beginnen, zu akzeptieren, dass wir es sind, die unsere Welt gemacht haben, ist, dass es einen sehr einfachen Grundsatz gibt, den wir anwenden können, um unsere Gedanken zu ändern, die das gemacht haben: Lass’ uns unseren ‚natürlichen’ Wunsch nach Liebe durch unser ‚unnatürliches’ Bedürfnis nach Urteilen ersetzen. Ohne unsere Schuldgefühle gibt es nichts zu (ver-)urteilen, und unser Wunsch zu lieben wird frei.

Lieben ohne Verteidigung öffnet den Geist gegenüber Chancen für eine größere Band-breite von glücklichen Beziehungen, jenseits des Begehrens, Egowünsche und –bedürfnisse zu befriedigen. Urteilen verengt die Funktion des Geistes auf die Trennungsabsichten des Egos.

Es begrenzt massiv unsere geistige Gesundheit und schränkt auch die Fähigkeit des Körpers ein, ohne Schmerz zu funktionieren.

Unsere Gefühle von Schuld sind so tief-sitzend, dass sie automatisch Erwartungen bzw. Maßstäbe davon erzeugen, was wahr sein sollte.  Wir erkennen jetzt nicht, dass das, was wir wirklich wünschen, eine Alternative ist, die wir bereits haben, bis wir bewusst beginnen, Verantwortung für unsere Gedanken zu übernehmen. Der Weg, auf dem wir das lernen, ist, zu üben, einem anderen Maßstab zu folgen, und zwar einem, von dem was wir möchten, dass es wahr ist, durch die Entscheidungen, die wir treffen. Das ist der Zweck der Vergebung; bewusst zu wählen, zu erkennen, dass es Liebe ist, was wir finden wollen, nicht Schuld, und so Entscheidungen zu treffen, die durch unseren Wunsch inspiriert sind, zu lieben, anstatt durch das Egobedürfnis nach Fehlern Ausschau zu halten.

Die Welt ist eine Widerspiegelung davon, wie wir uns selbst sehen. Es kann eine friedvolle Erfahrung sein oder eine fortwährende Vielzahl von Gefährdungen. Faktisch bedeutet das, dass unser Verhalten sich danach richtet, was wir von uns als wahr erachten. Falls wir schlecht über uns denken, werden wir uns in einer Weise verhalten, die für andere unannehmbar ist. Aber wenn wir entdecken, dass es einen Weg gibt, ein anderes und ein liebevolles Selbst zu finden, werden wir der Welt ein liebevolles Selbst anbieten und umgekehrt eine liebevolle Welt vorfinden.

Die Rolle, die Schuld spielt

Falls du die Rolle anzweifelst, die die Schuld in deinem Selbstbild spielt, frage dich selbst, ob du es verdienst, stets glücklich zu sein. Bist du frei von Sorgen über finanzielle und gesundheitliche Belange? Fühlst du dich immer geliebt und liebevoll gegenüber anderen? Ist  es deine natürliche Neigung, jemanden zu akzeptieren, oder eher etwas zu finden, woran du etwas auszusetzen hast, und ihnen irgendeinen Weg zu zeigen, wie sie das verbessern könnten? Falls es nicht normal oder natürlich ist, sich immer gut zu fühlen, lieben zu wollen, dann scheint ein anderes Gefühl wichtiger zu sein. Das ist die Rolle, die Schuld spielt.

Warum ist unsere Schuld so tief greifend? Es beginnt mit unserer Überzeugung, dass wir in Sünde geboren sind – dass da etwas angeborener maßen falsch mit uns ist. Wir haben die Welt gemacht als eine Erfahrung dieser Überzeugung. Im Kurs in Wundern wird uns gelehrt, dass es geschehen ist, als in den Geist von Gottes Sohn eine „winzig kleine verrückte Idee“ (‚tiny mad idea’)(T-27.VII, S. 586)[1] eindrang, dass er augenblicklich das Gewahrsein seines wahren Selbst im Traum über diese Idee verlor.

Wir erinnern uns natürlich nicht daran, und jede Mutmaßung darüber dient haupt-sächlich dazu, das wirklich zu machen, was keinen Wahrheitsgehalt außerhalb des Traums hat.

Wichtig ist zu begreifen, dass diese Idee wahnsinnig war. Wir haben die Natur des Gedankens, der uns schuf, wie wir sind, nicht verändert und können ihn nicht verändern.

Sünde und Schuld ist eine Idee, die nicht so ernst genommen werden sollte, wie andere Fabeln und Märchen. Das ist nicht leicht, wenn du Schmerz und Leid fühlst, die aus der leibhaftigen Erfahrung unserer Überzeugung kommen, dass so etwas real ist. Aber das größte Erbe, das von der falschen Wahrnehmung der Sünde bleibt, ist, dass es uns unserer Erinnerung beraubt, was Liebe ist.

In der Praxis der Vergebung werden unsere Urteile von Schuld verschwinden und ersetzt werden durch die Gnade des gottgeschaffenen Selbst, das dahinter verborgen war. Das ist eine wesentliche Veränderung in der Selbstidentität. Es ist weder ein einfaches Verstehen noch ein schneller und leichter Wechsel. Wir haben so lange an unsere Sünde und Schuld geglaubt, dass die Freiheit, die uns durch Vergebung angeboten wird, nicht immer willkommen und nicht einmal befriedigend für das Ego ist. Aber in jedem von uns, in unserem Bewusstsein, gibt es dennoch jenes ewige Licht von Gnade, das vom Heiligen Geist gehalten wird, der uns leise ruft, und wenn wir bereit sind, zu zuhören, wird unsere Reise von der Schuld zum Gewahrsein der Gegenwart von Liebe beginnen.

Originaltitel:  ‚Guilt: The Hidden Cause of Our Experience’
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von „Miracle Network in the UK“,
das Schüler des ACIM (deutsch: EKIW) seit 1994 unterstützt.
Entnommen aus ihrem Magazin Miracle Worker, Ausgabe 94, May/June 2010.
Siehe www.miracles.org.uk .

Ins Deutsche übertragen von Hans Owesen


[1] Ich habe das angegebene Zitat nicht auf der

angegebenen Seite im dt. EKIW gefunden