Im Gespräch mit Kenneth Wapnick (2010)

(Übersetzung aus: Miracle Worker; 1. Teil in Ausgabe 97, Nov/Dec 2010, 2. Teil in Ausgabe 98, Jan/Feb 2011) Als PDF-Version herunterladen Es handelt sich um eine Kombination zweier Interviews, eines geführt von D. Patrick Miller (Teil 1), das andere von Susan Dugan(Teil 2) Teil 1 hat den Untertitel: Im Folgenden handelt es sich um eine […]

Blüte

(Übersetzung aus: Miracle Worker; 1. Teil in Ausgabe 97, Nov/Dec 2010, 2. Teil in Ausgabe 98, Jan/Feb 2011)

Als PDF-Version herunterladen

Es handelt sich um eine Kombination zweier Interviews, eines geführt von D. Patrick Miller (Teil 1), das andere von Susan Dugan(Teil 2)

Teil 1 hat den Untertitel: Im Folgenden handelt es sich um eine Kombination zweier Interviews,
das erste geführt von D. Patrick Miller, das andere von Susan Dugan.
Teil 2 hat den Untertitel: Susan Dugan schließt das zweiteilige Interview ab.

[Anm.d.Ü.: Da die beiden Teile trotz verschiedener Interviewer zeitlich und inhaltlich zusammengehören, habe ich sie hier zu einem Ganzen zusammengeführt. - Alle in eckigen Klammern ergänzten Hinweise stammen von mir]

Teil 1:

Auf dem Weg ins Kloster entdeckte Kenneth Wapnick ein Manuskript, das seinem Leben eine andere Richtung gab: Ein Kurs in Wundern.

Aufgewachsen in einem jüdischen Elternhaus in Brooklyn, New York, und auf eine hebräische Schule geschickt, wandte er sich von organisierter Religion und dem Glauben seiner Familie ab, aber trotz alledem mit einer Ahnung von etwas jenseits einer Welt von Körpern. „Ich wuchs in einer Familie auf, in der es viel Krankheit gab“, sagt er. „Und es wurde mir klar, dass Krankheit nichts mit dem Körper zu tun hat; dass es im Geist geschieht.“

Jedoch hielt Ken Wapnick sich selbst bis zur Highschool [entspricht Gymnasium] für einen Atheisten. Er ließ nur Mozart und Beethoven als seine “spirituellen Lehrer” gelten. Seine Hinwendung während der Teenagerzeit zu klassischer Musik bestärkte seine Vermutung: „Das [Hören von Mozarts und Beethovens Musik] war mein Durchbruch, und dann mein Fenster zur andern Welt“, fügt er hinzu. „Es ließ mich erkennen, dass es da mehr gab, als wir sehen, studieren und verstehen können. Es [die Musik von Mozart und Beethoven] war mein Tor zur Spiritualität.“

Als sein Interesse geweckt war, studierte Ken verschiedene spirituelle Lehren, während er sein Geld als Doktor der Psychologie verdiente und gerade leitender klinischer Psychologe in einer psychiatrischen Anstalt geworden war. Für seine Dissertation in Psychologie hatte es Ken Wapnick zur Mystikerin Heilige Teresa von Avila und zum Studium ihrer Lehre hingezogen, wobei er „all ihre Hinweise auf Gott und Jesus als Sinnbilder für etwas anderes“ begriff.

Nachdem seine erste Ehe im Jahre 1970 endete, merkte Wapnick, dass sein Leben zunehmend einsamer und mönchischer wurde, und er fing an, die Bücher von Thomas Merton zu lesen. Schließlich ließ Wapnick sich katholisch taufen und besuchte zwei Klöster in Israel, das eine in Jerusalem als dem Ort, wo er sich niederlassen wollte: die Abtei von Gethsemane, wo Merton gelebt hatte. Und dort beschloss er, dass es seine persönliche Bestimmung wäre, ein Mönch zu werden.

Bevor er jedoch nach Israel ging, wurde Ken Wapnick durch einen gemeinsamen Freund den Schreibern von Ein Kurs in Wundern, Helen Schucman und William Thetford, vorgestellt. Als Ken 1972 aus Israel zurückkehrte, um noch die letzten Angelegenheiten seines Lebens in den Vereinigten Staaten abzuschließen, traf sich Ken Wapnick mit Helen Schucman und sah den Stapel von abgetippten Bänden, die seinem Leben eine andere Richtung geben sollten und die später als Ein Kurs in Wundern bekannt wurden. Ken war, wie er sagte: „sprachlos. Ich fand, dieser Text war das Schönste, was ich seit Shakespeare gelesen hatte, und dass er wirklich etwas aussagte. Ich brauchte nur wenige Tage, um mir klar zu werden, dass die Beschäftigung mit diesem Text künftig mein Leben sein würde.“

Ken, Helen und Bill wurden schließlich Freunde. Unter der Führung Jesu arbeitete Ken ein Jahr lang eng mit Helen zusammen, um das endgültige Manuskript von Ein Kurs in Wundern zu erstellen, zu bearbeiten, die Groß- und Kleinschreibung und die Zeichensetzung einheitlich zu gestalten und im Originaltext Untertitel einzufügen.

Ken hat ausgiebig über Ein Kurs in Wundern geschrieben und die Kurs-Botschaft über 30 Jahre hinweg gelehrt. Er und seine zweite Frau Gloria gründeten die gemeinnützige ‚Foundation for A Course in Miracles (FACIM) [in Roscoe] an der Ostküste der USA und verlegten später ihr expandierendes Schulungszentrum nach Temecula, Kalifornien.

Frage (F): Sie hatten eine unmittelbare Beziehung zu Helen und Bill und dem Kurs.

Ken Wapnick (KW): Ich erkannte, dass sie meine Familie waren und ich zu ihnen und dem Kurs gehörte. Obwohl ich im Kloster sehr glücklich war, wusste ich, dass das nicht mein Zuhause werden würde. Als ich begann, den Kurs zu lesen, wurde mir immer klarer, dass dies die perfekte Integration von Spiritualität und Psychologie war. Ich konnte mich Gott ebenso nah wie im Kloster fühlen, und doch meine Psychologie beibehalten, in Bezug auf die Arbeit, die ich künftig tun würde. Der Kurs gab mir einen Weg, in der Welt, aber dennoch nicht von ihr zu sein.

Enormes Vertrauen

F: Erschien Ihnen die Übermittlung des Kurs-Materials durch Helen Schucman immer glaubhaft?

KW: Ich glaubte fest an Helen und vertraute ihr bedingungslos. Ich wusste, dass an ihr keinerlei Unehrlichkeit war. Was sie über das [die Durchgabe des Kurses] sagte, war einfach vernünftig. Helen hatte den Kurs nicht geschrieben. Wenn Helen und ich dabei waren, das Material zu bearbeiten, war sie tatsächlich manchmal über bestimmte Passagen bestürzt. Wir lasen etwas laut vor, und sie lachte auf und sagte: „Ich verstehe nicht, was das bedeutet!“ Also bestand mein erstes Kurs-Lehren darin, Helen verstehen zu helfen, was die betreffende Textstelle bedeutete.

F: Warum wählte Jesus solch einen besonderen Weg, d.h. seine Botschaft durch den Geist einer religiös zwiespältigen Psychologin zu übermitteln, um mit der modernen Welt zu kommunizieren?

KW: Helen war sehr gespalten, aber ein Teil von ihr agierte auf einer hohen spirituellen Ebene. Auf dieser Ebene konnte sie eine Einheit mit Jesus zwecks Übermittlung des Kurses bilden. Man könnte sagen, dass Helen eine Psychologin wurde, damit der Kurs in der Art, wie er es tat, hervorkommen konnte, in einer diesem psychologischen Zeitalter angemessenen Form.

Bedeutung von Sigmund Freud

Helen war eine Freudianerin, die die Psychoanalyse von Sigmund Freud sehr gut verstand. Ich denke, dass der Kurs aus diesem Grund die Bedürfnisse des modernen westlichen Geistes so unmittelbar getroffen hat. Ich glaube, Freuds Arbeit war extrem wichtig für die spirituelle Entwicklung unserer Kultur. Heutzutage scheint es, dass [C.G.] Jung der Gute ist und Freud der Bösewicht, aber ich glaube, dass Freuds spiritueller Beitrag, trotz seines aktiven Widerstands gegen Religion, unvorstellbar groß war. Jung sagte sogar: „Ich bin wie Josua, der auf den Schultern von Moses steht.“

F: Wie kam es zur ‚Foundation’?

KW: Sie begann als eine Organisation, die mein Lehren unterstützen sollte. Ich habe mich nie als jemanden gesehen, der einer großen Organisation vorsteht, vor großen Gruppen lehrt, all das schreibt, oder irgendwelche Formalitäten erledigt, was ich eben alles so getan habe. Das hat sich einfach auf natürliche Weise ergeben. An dieser Stelle käme ich in Verlegenheit, wenn ich sagen müsste, was ein Lehrer des Kurses ist. Der Kurs sagt, was jemanden zu einem Lehrer macht, ist, dass er nicht irgendjemandes Interessen als getrennt von seinen eigenen ansieht. Also hat es nichts zu tun mit irgendeiner Form oder mit einer formalen Ebene. Die Vorstellung, zum Beispiel Zertifikate auszugeben, wäre mir ein Gräuel.

F: Unter Berücksichtigung des jeweiligen Charakters und der Werdegänge von Helen, Bill und Ihnen kam es mir immer verrückt vor, dass der Kurs allgemein als ein Beispiel für New-Age-Spiritualität bezeichnet wird. Werden nicht viele Leute, die zu Ihnen zum Lernen kommen, durch das wahre Wesen des Kurses ernüchtert?

KW: Ich würde es vielleicht nicht Ernüchterung nennen, aber einige Leute müssen doch erkennen, dass der Kurs kein magischer, leichter Erlösungspfad ist. Dies ist eine ernsthafte Angelegenheit, die viel Studium und Einsatz erfordert.

F: Einige Menschen, die den Kurs nicht mögen, sagen: „Er ist mir einfach zu komplex“, oder: „Er ist mir einfach zu christlich; da ist zu viel von ‚Sohn Gottes’ und ‚Heiliger Geist’ die Rede.“ Sehen Sie in der Ausdrucksweise des Kurses und der religiösen Sprache ein durchaus beabsichtigtes Auswahlverfahren?

KW: Ja, ich denke, es ist kein Zufall, dass die Satzstruktur schwierig ist. Wenn Sie Shakespeare mögen, werden Sie die Ausdrucksweise lieben, aber es ist dadurch nicht leichter zu verstehen. Die Begriffe werden nicht auf geradlinige Weise erklärt, mit klar vorgegebenen Definitionen und logisch aufeinander aufbauenden Grundsätzen. Die Logik des Kurses ist eher zyklisch oder, wie ich es nennen würde, symphonisch.

Ich habe es niemals so empfunden, dass er als ein populäres Buch für die breite Masse gedacht war. Er ist nicht leicht zu lesen. Seine Botschaft ist nicht verborgen im Sinne von geheimnisvoll, aber man muss Jahre daran arbeiten, seine eigene Ego-Denkweise aufzuheben, um in der Lage zu sein, den Kurs zu verstehen.

F: Was sind einige häufige Missverständnisse bezüglich des Kurses? Was ist er Ihrer Meinung nach nicht?

KW: Wir verbringen tatsächlich sehr viel Zeit damit, den Leuten erkennen zu helfen, was der Kurs nicht ist: er ist nicht biblisch, weder Judentum noch Christentum noch Christliche Wissenschaft. Der Kurs ist auch nicht New Age, Joel Goldsmith, oder Edgar Cayce. Der häufigste Fehler, den die Leute machen, ist, ihren früheren spirituellen oder religiösen Weg auf den Kurs draufzusetzen. Das ist ein nachvollziehbarer Fehler, aber solange man ihn macht, wird man nicht begreifen, was der Kurs aussagt. Ich denke, dass das auch mit [der Lehre von] Jesus so geschehen ist. Das Neue Testament wurde aus der Sicht des Alten Testaments geschrieben, daher wurde Jesus zu einer Erfüllung der Prophezeiungen des Alten Testaments. Ich denke, der wirkliche Jesus ist in all dem abhandengekommen.

Im Wesentlichen sagt der Kurs, dass nur der reine Geist wirklich ist und dass es nichts anderes gibt. Er sagt auch, dass Gott nichts mit der Welt der Materie zu tun hat. Er sagt, dass die eigentliche Rolle von Jesus, oder des Heiligen Geistes, nicht darin besteht, Probleme für Sie zu lösen, sondern eine liebende Gegenwart in Ihrem Geist zu sein, die Sie erinnert, die Welt von Zeit und Materie nicht als wirklich anzunehmen. In der Verbindung mit Jesus berichtigen Sie Ihre falsche Wahrnehmung. Das ist etwas ganz anderes als zu Jesus zu beten, dass er Ihre Probleme in dieser Welt löse, oder dass er Ihnen sagen soll, was Sie tun sollen.

F: Glauben Sie, dass Schüler von EKIW verwirrt werden, wenn sie es nicht schaffen, die Grundlage des Kurses zu akzeptieren?

KW: Wenn der Kurs sagt, die Welt sei eine Illusion, meint er das in wörtlichem Sinne. Die Folgen, die sich daraus ergeben, entziehen sich oft den Menschen, weil sie nicht erkennen, wie tiefgreifend wir mit dem Körper identifiziert sind. Wir sehen den Kurs durch die Augen unseres Körpers, und wir denken, Jesus ist ein Körper, der zu mir als Körper spricht, mir sagt, ich sollte Ihnen vergeben als einem Körper. Doch damit hat es nichts zu tun, weil es keinen Körper gibt [weil der Körper, wie der Kurs besagt, eine Illusion, eine Täuschung ist]; es ist alles in meinem Geist vollbracht. Es ist das Missverständnis über den Geist und den Körper, das in Kapitel 2 [des Textbuches] als Verwechslung der Ebenen bezeichnet wird. Alle Missverständnisse – die Rolle des Heiligen Geistes, der Zweck des Kurses, sich einer Führung zu überantworten, eine Stimme zu hören – rühren daher, dass nicht verstanden wird, dass es buchstäblich keinen Körper gibt, keine Welt. Wenn man das einmal verstanden hat, wird alles wunderbar klar.

Herausforderung der Psychotherapie

F: In seinem Buch The Road Less Traveled [die dt. Ausgabe trägt den Titel Der wunderbare Weg; Untertitel: Eine neue spirituelle Psychologie] schreibt M. Scott Peck, dass die Herausforderung der Psychotherapie nicht darin besteht, die Menschen dahin zu bringen, zu erkennen, was in ihrem Leben falsch läuft, sondern dass sie etwas damit anfangen können, wie es in ihrem Leben zum falsch Gelaufenen gekommen ist. Kann man das nicht vergleichen mit der Schwierigkeit, die der Kurs aufweist?

KW: Ich stimme Peck nicht ganz zu. Ich denke, die meisten Menschen sind sich bewusst, dass etwas in ihrem Leben verkehrt läuft, aber sie wissen nicht, was es ist – nämlich ihre andauernde Entscheidung, getrennt von Gott zu bleiben. Es erfordert viel Arbeit, das einfach zu verstehen. Aber wenn man erst einmal dahintergekommen ist, wird man automatisch ‚noch einmal wählen’, wie es der Kurs ausdrückt. Sobald man sich über diese eigenen Entscheidungen im Klaren ist – und dass man allein verantwortlich für sein Leben ist, weil es der eigene Traum ist – wird man die richtige Wahl treffen.

F: Aber ‚noch einmal wählen’ ist keine einmalige Entscheidung wie z.B. in dem religiösen Sinne von ‚errettet werden’. Es ist vielmehr ein andauernder Entwicklungsprozess.

KW: Richtig. Wenn man einmal anders gewählt hat, wird man dahinter eine weitere Entscheidung vorfinden, die getroffen werden muss, und dahinter wieder eine andere Ebene usw. Es ist ein Prozess des Aufhebens der Welt, die wir fehlerschaffen haben. Das Ego erfand Zeit und Raum, um Abstand herzustellen zwischen der Ursache der Welt – sprich, unserer Entscheidung, an die Welt zu glauben – und ihren Wirkungen auf uns, so dass wir das Leid der Welt erleben, ohne zu erkennen, dass wir die alleinige Ursache davon sind.

F: Wie denken Sie über gewisse Menschen, die offensichtlich die Botschaft des Kurses aufweichen oder die versuchen, die Botschaft des Kurses leichter akzeptabel zu machen?

KW: Ich denke, wenn man anfängt, einige der schwierigen Prinzipien herauszunehmen, hört es auf, Ein Kurs in Wundern zu sein. Es gibt eine Zeile im Textbuch, wo Jesus sagt: „Dieser Kurs wird ganz oder gar nicht geglaubt“ (T-22.II.7:4). Mit anderen Worten, das Denksystem von EKIW ist ein vollkommen integriertes Ganzes, und wenn man einen Teil davon herausnimmt, fällt das Ganze auseinander. Man braucht den Kurs nicht aufzuweichen, bloß um den Leuten die Botschaft zu bringen, dass Gott sie liebt.

F: Der Kurs selbst scheint aber doch zu weit verbreiteten Interpretationen einzuladen, weil er eindeutig erklärt, dass jeder, der seine drei Teile beendet, ein ‚Lehrer Gottes’ geworden ist. Der Autor schenkt Kursschülern vorbehaltlos sehr viel Vertrauen.

KW: Das Vertrauen besteht darin, dass die Botschaft nicht zerstört wird, egal, was geschieht. Ein großer Vorteil des Kurses ist, dass wir letztendlich wissen, was Jesus wirklich sagen will. Ganz am Anfang wurde uns gesagt, dass das Buch weder jemals verkürzt oder verdichtet werden darf noch die einzelnen Teile jemals getrennt vertrieben werden dürfen. Es ist immer die Ursprungsform zu erhalten.

Situationen der Krise

F: Ich begegnete dem Kurs mitten in einer ernsten gesundheitlichen Krise, als mein Ego schon sehr angeschlagen war. Ich glaube nicht, dass ich mir den Kurs sonst hätte verpflichtend vornehmen können. Kommen eigentlich viele Schüler in Krisensituationen zu Ihnen?

KW: Wir versuchen klarzustellen, dass wir nicht dazu da sind, irgendjemandes persönliche Probleme zu lösen. Was wir anbieten, ist eine Klarstellung von Kursprinzipien, ein Verständnis, das ihrem Studium des Kurses helfen kann. Ihr eigenes Kursstudium mag ihre Krise lindern, aber wir können es nicht leisten.

F: Da der Kurs ja nicht als psychologische Selbsthilfe im üblichen Sinne gedacht ist, wie verändert er dann Menschen?

KW: Menschen, die den Kurs studieren, lernen letztendlich, dass sie Verantwortung für alles, was sie tun, übernehmen müssen; sie werden viel weniger anfällig dafür, ihren Egoismus und ihre Opferhaltung zu rechtfertigen. Das bedeutet nicht, dass ihre Egos verschwinden, aber viele Kursschüler beginnen zu verstehen, dass ihr Ego schuld ist an ihren Problemen. Sie finden Hoffnung in der Erkenntnis, dass sie nicht die Welt oder andere Leute ändern müssen, um Frieden zu finden. Im Kurs haben sie ein Werkzeug, Frieden zu finden, auch wenn es eine Weile dauert.

F: Einige Kursschüler könnten die Idee totaler Verantwortlichkeit erdrückend finden; was lässt sie trotzdem weitermachen? Was genau fühlt sich daran gut an?

KW: Was sich gut anfühlt, ist ein Gefühl von Hoffnung, die der Kurs anbietet. Es ist nicht die naive Hoffnung, dass Gott oder der Heilige Geist herabsteigen wird und uns die Probleme wegnimmt, sondern es ist die wirkliche Hoffnung, dass in uns das Potential vorhanden ist, glücklich zu sein. Selbst wenn man sich nicht voll dafür entschieden hat, versteht man, dass man seinen Geist ändern könnte, indem man Jesus um Hilfe bittet.

Häufige Fehlanwendungen

F: Was sind Ihres Erachtens die häufigsten falschen Anwendungen des Kurses?

KW: Der Kurs ist sicherlich dazu bestimmt, in der Welt gelebt zu werden, aber ich glaube, die Menschen machen den Fehler, dass sie ihn zu wörtlich auf die Belange der Welt anzuwenden versuchen. Der Kurs ist grundsätzlich eine Geistesschulung. Jemand fragte mich kürzlich, welche Art von Moralsystem der Kurs vorschlägt, und ich sagte ihm einfach dies: Indem du lernst, dich mehr und mehr mit Jesus zu verbinden und weniger mit dem Ego, wirst du automatisch lernen, das zu tun, was liebevoll und hilfreich ist für deine Beziehungen, deinen Job usw., welche Formen auch immer dein Leben annimmt.

In diesem Sinne will der Kurs in jeder Lebenssituation angewandt werden, aber er sollte nicht so gelesen werden, dass er irgendwelche besonderen sozialen Programme oder eine politische Grundhaltung vertritt. Da EKIW besagt, dass da buchstäblich keine Welt ist, nur ein Traum davon, ist dem Kurs nicht daran gelegen, dass man versucht, den Traum zu verbessern. Er möchte einzig den Geist des Träumers verändern. Wenn das vollbracht ist, wird sich der Traum automatisch auf die eine oder andere Weise verändern. Aber es ist der Geist des Träumers, der im Mittelpunkt des Interesses von EKIW steht.

Ein häufiger Fehler von Kursschülern ist, dass sie versuchen, Gott in die Welt hineinzuziehen, was der Kurs so ausdrückt: „die Wahrheit der Illusion zu überbringen“ (T-18.III.1:1), während die Zielsetzung das genaue Gegenteil sein sollte nämlich, unsere Illusionen der Wahrheit zu übergeben.

F: Der Kurs ist von einigen als Absage an soziale Verantwortlichkeit interpretiert worden. James Hillman bezichtigte ihn sogar, er biete einem versteckten, rechtsgerichteten Programm Unterschlupf. Andererseits verhehlt Marianne Williamson, eine sehr namhafte Kurs-Verfechterin, nicht ihre liberale politische Einstellung. Wie antworten Sie auf diese stark unterschiedlichen Interpretationen?

KW: Jesus ist weder links noch rechts, und es wäre ein Fehler, irgendeine politische Philosophie aus den Kurs-Prinzipien abzuleiten. Der Kurs beschreibt sich selbst als „ein Kurs in Ursache, nicht in Wirkung“ (T-21.VII.7:8). Das bedeutet, dies ist ein Kurs, wie man seinen Geist ändert – was die Ursache von allem ist – und nicht wie man sein Verhalten ändert, was die Wirkung ist. Die unmissverständliche Botschaft des Kurses ist, den Heiligen Geist als Lehrer zu wählen, und nicht das Ego.

F: Sie und Gloria haben beide manchen politischen Aktivismus in Ihrer Biographie hinter sich. Sind Sie durch den Kurs jetzt weniger an politischen Streitfragen beteiligt oder anders?

KW: In den Sechzigern nahm ich an Bürgerrechtsmärschen in Mississippi teil, die von Dr. Martin Luther King angeführt wurden. Ich war betroffen, dort genau so viel Hass unter den Marschierenden vorzufinden wie unter den Weißen, die uns aufhalten wollten. Wir waren uns einfach sicher, dass wir die Guten waren. Ich denke, es ist möglich, ein Aktivist zu sein ohne die Denkweise von Widerstand. Eine von Kings Botschaften an die Schwarzen in Mississippi lautete: „Sie können euch nicht das Rückgrat brechen, wenn es nicht schon gebeugt ist.“ Er wollte, dass sie anderen Geistes über sich selbst werden. Das Herzstück dieser Botschaft ist dasselbe wie jenes des Kurses.

F: Was ist der Kern Ihrer Botschaft und die Absicht des Kurses?

KW: EKIW ist ein geistiger Weg für einzelne Menschen. Probleme entstehen, wenn Menschen versuchen, aus dem Kurs mehr zu machen und etwas damit zu gestalten, anstatt ihn so zu benutzen, dass er ihnen hilft, ihr eigenes Leben voll zu leben. EKIW ist ein Weg, den Menschen zu helfen, in Berührung mit ihrer eigenen inneren Stimme zu kommen und ihr zu folgen, um so gütig, liebevoll und vergebend zu werden wie sie nur können. Wenn die Leute das tun würden, würde die Welt ein ganz anderer Ort sein und der Kurs hätte seinen Zweck erfüllt.

F: Für neue Schüler ist vielleicht die schwierigste Frage, die durch den Kurs aufgeworfen wird: „Woran kann ich erkennen, wann ich die Stimme des Heiligen Geistes höre, im Gegensatz zur Stimme meines eigenen Egos?“

KW: Der Kurs bietet einige Unterscheidungshilfen an – eine davon, dass man, wenn man der Führung des Heiligen Geistes folgt, „gänzlich ohne Angst“ ist (T-16.IV.11:9). Aber eigentlich ist die Frage falsch gestellt. Das Hauptaugenmerk sollte nicht darauf liegen, wie man herausfinden kann, welche Stimme man hört, sondern man befasst sich mit dem Wegräumen der Hindernisse gegen die Stimme des Heiligen Geistes, nämlich der Schuld und der Neigung des Egos zur Besonderheit. Je mehr man diese störenden Einflüsse beseitigt, umso mehr wird man die wahre Stimme des Heiligen Geistes hören. Die Frage nach “Wer ist wer?” [d.h. welche Stimme gehört zu wem?] wird sich dann gar nicht mehr stellen.

Berichtigung unseres Fehlers

F: Was ist die Aufgabe des Heiligen Geistes?

KW: Er ist zwecks der Berichtigung unseres Fehlers da. Und der Fehler hat nichts mit Verhalten zu tun. Benutze jene liebende Gegenwart in deinem Geist, um deine Entscheidungen für das Ego zu betrachten, und schau, wo diese Entscheidungen dich hingeführt haben. Mein Problem hat nichts mit dir zu tun; ich habe nur die falsche Wahl getroffen. Es gibt nur eine besondere Beziehung, und das ist die Beziehung mit dem Ego. Es gibt nur eine heilige Beziehung, und das ist die Beziehung mit Jesus oder dem Heiligen Geist. Wenn diese Beziehung einmal geheilt ist, werden alle anderen Beziehungen heilig sein.

Mit den Augen des Heiligen Geistes zu schauen, bedeutet auch, die Schuld genau zu betrachten, die unser Ego-Denken verleugnen möchte. Ich habe ein Wort für Schüler, die sich weigern, sich diese Schuld einzugestehen: ‚Glückspinsel’ [‚blissninny’, etwa: Glücklicher Einfaltspinsel].

Ein ‚Glückspinsel’ will die Schuld nicht betrachten oder wie die Welt wirklich ist. Er wird sagen: „Oh, der Kurs verändert mein Leben, er wird die Welt verändern“, ohne genau auf die Schuld zu schauen, die der Kurs aufheben will. Ein ‚glücklicher Einfaltspinsel’ ist ohne ein wirkliches Verstehen oder Anerkennen des Egos im Hinblick darauf, wie hässlich es sein kann und wie wir trotzdem davon angezogen werden. Wenn man die Schuld nicht betrachtet, wird alles, was man mit diesem Kurs macht, von genau dieser Entscheidung geleitet, und man wird das, was der Kurs aussagt, total missverstehen.

F: Obwohl der Kurs nicht beansprucht, anderen Erlösungswegen überlegen zu sein, beansprucht er, als eine Art ‚spiritueller Beschleuniger’ zu funktionieren. Es gibt dem Verständnis schwer zugängliche Anmerkungen, dass Kursschüler „Tausende von Jahren“ einsparen werden (T-1.II.6:7) und dass die Einhaltung seiner Methoden viel schneller wirken würde als lebenslange Meditation oder konventionelle religiöse Ansätze im ‚Kampf gegen die Sünde’.

KW: Als ein Beleg für eine solche Beschleunigung könnte interessanterweise gelten, dass, wie manche Menschen berichten, es ihnen erst einmal deutlich schlechter ging. Entweder begegnen Menschen dem Kurs während einer Krise oder sie geraten in eine Krise, bald nachdem sie damit angefangen haben. Der Kurs beschleunigt den Prozess, an die Wurzel des Problems zu gelangen: die Entscheidung des Geistes, von Gott getrennt zu sein. Das ist das grundlegende Problem des Menschseins. Der Kurs konzentriert unsere Aufmerksamkeit so unmittelbar auf das Problem, dass wir keine Zeit für Meditation, Rituale oder andere religiöse Disziplinen aufzuwenden brauchen. Selbst wenn der Prozess noch viele Jahre dauert, eilt man im größeren Zusammenhang der Dinge voran, weil man zur Wurzel des wirklichen Problems gelangt [von Gott getrennt sein zu wollen].

F: Warum zeigt das Ego in Kurs-Kreisen Ihrer Meinung nach so oft seine hässliche Fratze?

KW: Die Menschen möchten ihre eigene Schuld nicht betrachten; es ist leichter, die Schuld nach außen zu projizieren [d.h. sie in andern zu sehen]. Das ist wie bei Kindern im Sandkasten. Das ist seit jeher so, seit 30 Jahren mit dem Kurs und seit 2000 Jahren mit dem Christentum, und das ist so im Judentum, im Islam und in jeder offiziellen Religion. Deshalb ist es viel besser, den Kurs nicht als Religion, Bewegung oder so ähnlich zu verstehen. Er ist einfach eine spirituelle Lehre, um deinen Geist zu heilen. Wenn Leute ihn in dieser Weise benutzen würden, würde es keine Gruppen geben, die andere Gruppen bekämpfen. Sofern man in einer Gruppe wäre, würde man sie nicht so wichtig nehmen, man würde einfach unter Menschen sein, die irgendwie miteinander zusammenhängen, wie in Familien oder unter Freunden. Das würde nicht mit solch einer Erwartungshaltung verbunden sein.

Wenn man erst einmal anfängt, etwas offiziell zu gestalten, führt das zur Gründung von Kirchen, und wir wissen alle, was Kirchen tun. Spielt nicht im Sandkasten herum. Man soll das zwar nicht angreifen oder verurteilen, aber man sollte auch nicht darin spielen. Ich denke, das ist die Antwort. – (Ende Teil 1)

Teil 2:

Während eines Besuchs in der ‚Foundation for A Course in Miracles‘ in Temecula, California, befragte Susan Dugan den weltweit besten Kenner von “Ein Kurs in Wundern”, Dr. Ken Wapnick, über seinen Weg mit dem Kurs seit 1973.

Susan sagt: „Ich war noch nie mit einem erleuchteten Menschen zusammen – meine halbwüchsige Tochter einmal außer acht gelassen –, aber ich muss sagen, in Ken’s Gegenwart zu sein empfand ich auf kaum zu beschreibende Weise heilend. Er bietet die Gabe seiner vollkommenen, unerschütterlichen Aufmerksamkeit an und scheint tiefer und gewissenhafter zuzuhören als all die hunderte Menschen, die ich im Lauf der Jahre befragt habe.“

Susan Dugan (SD): Ken, wie vermeiden Sie es, Ihre Rolle als Kurslehrer als etwas Besonderes zu gestalten?

Ken Wapnick (KW): Es gibt einen Unterschied zwischen Form und Inhalt. Eine Zeile, die ich immer gerne zitiere, ist die, in der Jesus sagt: „Lehre nicht, dass ich umsonst gestorben bin. Lehre vielmehr, dass ich nicht gestorben bin, indem du aufzeigst, dass ich in dir lebe.“ (T-11.VI.7:3-4). Lehren ist Aufzeigen [H-Einl.2:1], und man sollte sein Augenmerk darauf richten, sich so egofrei wie möglich zu machen, und dann wird alles, was immer man tut, Freude sein, ob man den Kurs lehrt, den Tisch abwischt, einen Aufsatz schreibt oder einen Spaziergang macht. Da ist kein Unterschied.

Auf diese Weise komme ich von der Besonderheit der Form weg. Weil es wirklich verführerisch ist, zu denken, dass das, was ich tue, wichtig ist, weil ich Ein Kurs in Wundern lehre. Warum soll das anders sein als ein Hotel zu bauen oder Kinder großzuziehen oder sonst irgendwas? Wenn man also von der Form absieht, wird der Inhalt immer gleich sein.

Die ruhige Mitte

Es gibt einen schönen Satz im Kurs über die ruhige Mitte (T-18.VII.8:3). Auch wenn das Bild so nicht ausdrücklich verwendet wird, können wir uns dabei eine Radnabe vorstellen, in der es eine ruhige Mitte gibt, in der wir zu Hause sind, und davon ausgehend Speichen, die unsere verschiedenen Rollen darstellen: Ehefrau, Lehrer, Mutter usw. Die Speichen sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass man in dieser ruhigen Mitte bleibt und die darin befindliche Liebe alles durchfließt, was man tut, ob man den Kurs lehrt oder mit seinen Enkelkindern spielt. In gewissem Sinne sollte alles gleich sein, und im selben Maße, wie ich anerkenne, dass es für mich nicht gleich ist, gestehe ich mir ein, dass ich daran noch zu arbeiten habe. An dieser Stelle setzt der Prozess ein.

Es ist wirklich eine Falle, sich durch die Form verführen zu lassen und zu glauben, die Form bedeutet etwas. Man lehrt die Botschaft Jesu, indem man sie lebt, nicht indem man sie predigt. Ich habe oft gesagt, dass man einen wunderbaren Workshop abhalten könnte, indem man einfach das Telefonbuch vorliest. Wenn man es mit Liebe vorliest und diese Liebe in jeden Namen, den man vorliest, einfließt, dann lehrt man sie. Es spielt keine Rolle, ob man die Theologie oder die Dynamik des Egos perfekt drauf hat. Bedenke, jeder kann das lernen. Aber so lehrt man es nicht, und so lernen Leute nicht.

SD: Geht es also darum, die Dinge, die in unserem Leben aufzutauchen scheinen, zu nutzen, und uns zu vergeben, wenn wir uns dabei ertappen, sie zu etwas Besonderem machen zu wollen?

KW: Ja. Wenn Sie an Ihre Grundschuljahre zurückdenken, werden Sie sich nicht an die Dinge erinnern, die die Lehrer Ihnen beibrachten. Sie erinnern sich an jene Lehrer, die gemein und grausam waren, und an jene, die liebevoll und freundlich waren; Sie werden sich nicht wirklich daran erinnern, wie man Ihnen Lesen, Schreiben oder Rechnen beibrachte. Das bedeutet es, ein Lehrer zu sein – was man aufzeigt – ganz gleich, ob man Kindererziehung beibringt oder Rechnen. Hierzu aus dem Textbuch zum Neuen Jahr eine Zeile, die ich auch häufig zitiere: „Mach dieses Jahr dadurch zu einem andern, dass du es ganz zum selben machst.“ (T-15.XI.10:11). Alles ist gleich.

SD: Zu Ihnen kommen ständig viele Menschen, die viel von Ihnen wollen. Wie gehen Sie damit um?

KW: Noch einmal, man konzentriert sich wirklich nur auf die ruhige Mitte und identifiziert sich nicht mit den Speichen. Egal ob jemand sagt, das war wirklich Klasse oder ein anderer, dass es furchtbar war oder langweilig, oder jemand einem immer wieder dieselbe Frage stellt. Ich werde oft gefragt: „Wie halten Sie das aus, ein und dieselbe Sache immer wieder zu erzählen?“ Die Leute hören Tonbänder, die ich vor 25 Jahren aufgenommen habe, und im Prinzip ist es das Gleiche. Und ich mache manchmal einen Witz; ich kann ein und dieselbe Sache immer wieder sagen, weil ich nicht mir selber zuhöre. Aber eigentlich, weil es immer das erste Mal ist. Wenn also jemand eine ‚Zusatzfrage‘ stellt, spricht diese Person einfach immer das erste Mal zu mir. Ansonsten könnte ich das, was ich tue, nicht tun.

Nimm es nicht persönlich

Und natürlich nimmt man es nicht persönlich, was die Leute sagen. Das lernt man in der psychotherapeutischen Ausbildung, weil Klienten ständig projizieren; entweder lieben sie dich oder sie hassen dich. Wie auch immer, es hat nichts mit dir zu tun. Wenn man eine öffentliche Person wird, ist der ganze Trick dabei, in dieser ruhigen Mitte zu bleiben. Ich möchte Menschen dazu verhelfen, glücklicher zu sein, friedlicher oder freundlicher, aber dadurch definierst du dich nicht. Man definiert sich durch diese ruhige Mitte, und dann versucht man einfach, was immer die Leute auch tun oder nicht, gegenwärtig zu sein.

SD: Ich habe gelesen, dass Sie und Helen und Bill in den frühen Tagen des Kurses um besondere Führung durch Jesus oder den Heiligen Geist gebeten haben, z. B. wie der Kurs in die Welt gebracht werden könnte. Wie hat sich Ihre Praxis, Jesus oder den Heiligen Geist um Hilfe zu bitten, im Laufe der Zeit verändert?

KW: Helen und Bill waren es sehr gewohnt, um konkrete Hilfe zu bitten; z.B. an welcher Straßenecke wir stehen sollten, um ein Taxi zu bekommen, was in New York keine leichte Aufgabe ist. Und sie waren Meister darin, auf dem Höhepunkt der Rush Hour ein Taxi zu bekommen, mochte es auch regnen. Aber ich habe mich dabei niemals wohl gefühlt. Ich konnte da mitmachen und wollte das auch. Aber es schien mir nie ganz koscher zu sein. Und wie ich schon früher gesagt habe, ist dabei der Aufsatz ‘Das Lied des Gebets’ herausgekommen. Und so glaube ich, dass sich nicht so sehr mein Verstehen entwickelt hat, sondern die Art und Weise, wie ich darüber spreche. Bevor ich Helen und Bill kennenlernte, habe ich so etwas niemals getan; es [das gemeinsame Bitten] schien mir einfach eine Art zu sein, diese innere Gegenwart [den Heiligen Geist] einzuschränken.

Ihn handhabbar machen

In der einen Botschaft, die ich häufig zitiere [gemeint ist die Botschaft, die später zum Das Lied des Gebets führte], sagte Jesus zu Helen: „Du versuchst, meine Liebe handhabbar zu machen.“ [d.h. seiner Liebe Grenzen aufzuerlegen]. Warum nicht, anstatt mir darum Gedanken zu machen, welche Stimme ich höre und was die Stimme mir sagen sollte, einfach darum bitten, zu hören, was ich tun sollte, um die Blockaden zu entfernen, so dass ich die Stimme besser höre? Es ist nicht so, dass dieses Bitten um besondere Dinge nicht sein darf oder dass es uns nicht helfen kann; aber es ist auf Dauer nicht das, wohin man wirklich will. Das wird einem höchstens helfen, besser in der Welt zurechtzukommen. Ich wusste, dass Helen mich verstand, es war einfach Teil ihrer Maskerade.

SD: Sind Sie früher einmal mit den Ebenen durcheinander gekommen, oder leuchtete Ihnen von Beginn an alles ein?

KW: Ich glaube, es leuchtete mir von Beginn alles ein. Ich erinnere mich, dass Helen einmal Jesus fragte, warum ich mit all dem niemals Probleme hätte, und seine Antwort war: „Weil dafür keine Zeit ist.“ Und tatsächlich gab es dafür keine. Ich hätte nicht all das tun können oder könnte das nicht tun, was ich tue. Es war niemals ein Problem.

SD: Wie hat das Praktizieren der kursspezifischen Form von Vergebung Ihr Leben verändert, Ihre Beziehungen?

KW: Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es das getan hat. Ich war eigentlich nie ein ärgerlicher Mensch. Durch den Kurs wurde mir ein bestimmter Sinnzusammenhang gegeben für das, was ich bereits erlebte, aber es war nicht wirklich ein Problem für mich. Nicht, dass ich nicht Fehler machte. Ich hatte einige Erlebnisse mit meinen Eltern, wo ich mich ganz schön aufgeregt habe, wir kennen das, typisch Pubertät. Aber es blieb alles im Rahmen. Ich war niemals einer, der Groll hegte; es hatte keine Bedeutung.

SD: Haben Sie jemals erlebt, dass [in Ihrem Geist] etwas ungeschehen gemacht wurde? [‚Did you experience any undoing?‘] Haben Sie das Gefühl, dass Sie in diese Welt in einem geheilten Geisteszustand gekommen sind?

KW: Ich hatte meine Themen und Probleme. Ich schaue auf mein Leben zurück und erkenne einen Unterschied. Und als ich den Kurs zum ersten Mal sah und ihn las, war es so, als würde ich ihn von innen lesen. Und wenn ich auch die Dinge sicher nicht so gesagt hätte wie sie der Kurs sagt, als ich ihn las, begriff ich, dass sie wahr waren.

Ich glaube, bei mir fand der Prozess [des Aufhebens von unbewusster Schuld] schon vorher statt. Mein größter spiritueller Lehrer war Beethoven. Ich fing auf der Highschool an, seine Musik zu hören. Ich fühlte irgendetwas in seiner Musik, in das ich über einen gewissen Zeitraum hineinwuchs. Ich war mir darüber in dieser ganzen Highschool- und Studienzeit und noch darüber hinaus sehr im Klaren. Mir war wichtiger als alles andere in meinem Leben – meine Ausbildung, meine Arbeit, meine erste Ehe –, dass ich dem von mir so empfundenen eigentlichen Kern seiner Musik immer näher rückte. Es war völlig klar, das war ein Prozess, seine Musik immer wieder zu hören und seinen Prozess zu hören.

Das Ego war am Ende von Beethovens Lebens von ihm gegangen; man kann es zwar nicht von seinem Leben her wissen, aber man kann es besonders aus seinen letzten Quartetten heraushören. So betrachtete ich an jenem Punkt mein ganzes Leben als einen Prozess, in diese Musik hineinzuwachsen, bis ich mich eins mit ihr fühlte. So war der Weg. Und somit war dieser Teil der Reise abgeschlossen, als ich den Kurs zum ersten Mal sah. Anschließend ging es nur noch um eine Art Auskristallisieren all dessen, von dem ich wusste, dass es wahr war.

SD: Wenn Sie grundsätzlich fortwährend friedfertig sind, ist es dann nicht schwer, sich in Beziehung mit dem Durcheinander anderer Menschen zu bringen?

KW: Überhaupt nicht. In meiner ersten beruflichen Tätigkeit, die ich am meisten genoss, arbeitete ich mit gestörten Schulkindern. Ich mochte wirklich gerne mit psychotischen Menschen arbeiten. Ich konnte mich in ihr Denksystem hineinbegeben. Es war, als ob man in ihr Wasser hineingeht, aber noch einen Fuß an Land hat. Ich konnte immer in Beziehung gehen, zuhören, verstehen und dabei helfen, sie hindurch- und herauszuführen. Dies macht einen tatsächlich einfühlsamer und barmherziger, weil keine Bedürfnisse drübergestülpt sind. Und das Tolle ist – ich bin schließlich ziemlich beschäftigt –, es verhilft mir dazu, mit der Zeit effizienter zu arbeiten, weil es nichts gibt, was stört, keinen Konflikt. Wenn es sich auf meinem Schreibtisch stapelt, wenn es Anrufe zu tätigen gilt, ich tue es einfach. Manchmal passiert alles auf einmal. Es macht das Leben leichter. Man schafft so viel mehr am Tag. Und es ermöglicht einem, barmherziger zu sein, weil man wirklich den Schmerz der Menschen hören und ihn irgendwie berühren kann und zu helfen versucht, ohne sich in irgendeiner Weise einzumischen.

SD: Ich fühle mich voller Freude und gegenwärtig, wenn ich schreibe, lehre oder einfach Zeit mit dem Kurs verbringe. Dann scheint da etwas wie aus dem Nichts aufzutauchen, und schon fühle ich mich ungeliebt und lieblos. Mein Selbstwert stürzt ab, und in mir ist einfach das Chaos. Können Sie etwas dazu sagen, was sich da in der Ego-Gegenreaktion abspielt?

KW: Ich denke, das ist ein Beispiel für eine Erfahrung, die fast jeder hat, ungeachtet seines spirituellen Weges – dass, wenn Sie sich ernsthafter daran machen, Ihr Ego loszulassen, der Teil in Ihnen, der sich mit dem Ego identifiziert, Angst bekommt. Jesus sagt, dass, wenn man auf diesem Weg seine Hand nimmt, das Ego auf Vergeltung sinnt. Er sagt im nächsten Absatz, dass er jenseits des Ego ist, man also, wenn man seine Hand nimmt, jenseits des Ego geht [siehe T-8.V.5,6]. Also wird ein Teil von Ihnen noch glauben, Susan zu sein, und so sind all die Dinge, die Susan ausmachen, obwohl allesamt nicht angenehm, doch bequem. Daher wird das Angst machen, und dann geschieht es, dass Liebe sich in Hass verwandelt, der Frieden verwandelt sich in Angst, und man fängt an, sich selbst oder andere anzugreifen.

Respekt für das Ego

Es ist sehr wichtig, obiges zu verstehen und, wenn man mit diesem Stoff arbeitet, einen gesunden Respekt für das Ego zu haben, das heißt, einen gesunden Respekt für die eigene Identifikation mit dem Ego. Denn wenn man ihn nicht hat, trifft es einen wie aus heiterem Himmel. Hier lehre und schreibe ich und fühle mich so gut, so gütig und liebevoll, und da trifft mich ein Schlag ins Genick. Das sollte uns nach einer Weile nicht überraschen. Wenn das geschieht, sage einfach: „Oh, jetzt ist das geschehen. Das tun Egos so.“

Wir wissen, es ist nur ein Buch. Bücher sind harmlos; es geht um nichts. Es ist nur so, wenn man Bücher ernst nimmt, dann hat man ein Problem. Man möchte nämlich nicht sein Ego aufgeben. Man sollte vor dem Ego Respekt haben, aber man sollte ihm keine Macht geben, die es nicht hat.

SD: Einige Lehrer von Ein Kurs in Wundern stellen sich als erwacht dar. Liegt darin nicht eine Gefahr?

KW: Ich glaube, dass normalerweise Leute, die wirklich erwacht sind, nicht darüber sprechen. Mir sind Leute ein wenig suspekt, die sagen, dass sie erwacht sind. Ich meine, was veranlasst einen dazu, das von sich zu behaupten? Man lässt einfach sein Leben für sich sprechen. Ich glaube nicht, dass Jesus gesagt hat, er wäre erleuchtet. Das heißt nicht, dass jemand nicht erleuchtet sein kann, der das von sich sagt, aber grundsätzlich denke ich, würde man eher dazu neigen, nicht darüber zu sprechen.

Wir können den Prozess aus den Augen verlieren, wenn wir uns auf das Erwachen konzentrieren. Wenn Leute so etwas behaupten, zielt das eigentlich darauf ab, Besonderheit herbeizuführen und Trennung zu erzeugen. Tatsächlich tut man einfach, was man tut, und hinter dem, was man tut, steht jenes Bewusstsein, das sagt, wir sind alle gleich. Man sollte sich auf den Prozess konzentrieren, sonst überspringt man Schritte.

SD: Was würden Sie Kursschülern sagen, die glauben, wir können den Geistesfrieden erfahren (gewissermaßen direkt zu Gott/dem Einssein zurückkehren), ohne die im Kurs gemeinte Vergebung in unseren Beziehungen zu praktizieren?

Eine Praxis und ein Prozess

KW: Der Kurs macht deutlich, dass dieses ein Übungsweg und ein Prozess harter Arbeit ist. Mir sind Leute sehr suspekt, die behaupten, sie könnten geradewegs in ihren rechtgesinnten Geist springen. Ich würde in 99,9 Prozent der Fälle sagen, das ist Verleugnung. Das heißt nicht, dass es nicht gelegentlich funktionieren kann, aber solange man nicht egofrei ist, kann man das nicht, und wenn man egofrei ist, braucht man Vergebung nicht. Wir befinden uns in einer Welt der Zeit. Ich bin misstrauisch Leuten gegenüber, die sagen, man bräuchte sich nicht mit dem Ego auseinanderzusetzen, denn wenn man so etwas sagt, hat man das bereits dadurch wirklich gemacht, dass man sagt, man wolle sich nicht damit auseinandersetzen.

SD: In Ihren Workshops stellen Ihnen die Menschen oft Fragen zu ihren Beziehungen und Problemen in ihrem Privatleben. Der Kurs scheint uns doch dahin zu führen, dass wir solche Fragen unserem inneren, liebenden Lehrer überbringen. Besteht nicht eine Gefahr für die Schüler, abhängig zu werden von Antworten in einer äußeren Form – von Ihnen?

KW: Natürlich ist das eine Gefahr. Ich denke, dadurch, dass ich das nicht fördere und mich nicht damit identifiziere, ist es ok, aber ich glaube, in einem gewissen Maß ist es im Anfangsstadium hilfreich, so wie ein Kind dadurch ins Leben kommt, dass es von seinen Eltern abhängig ist. Ein Kind wird nicht wachsen und lernen, wenn es nicht auf seine Eltern angewiesen ist. Aber zu gegebener Zeit lassen die Eltern das Kind gehen, und man wird Probleme bekommen, wenn Eltern das nicht tun. Ich bin mir natürlich all dessen bewusst, weil ich mehrere Jahre therapeutisch tätig war.

Leute projizieren gerne sowohl positiv wie negativ auf mich, aber ich möchte jemandes Abhängigkeit nicht unterstützen. Gewiss würde ich zu manchen Leuten sagen: „Wenn ich Ihnen behilflich sein kann, warum fragen Sie mich nicht?“ Es gibt eine Zeile im Kurs, die sinngemäß besagt, dass das Ziel eines Lehrers darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen. [T-13.I.1:1]. Wir wollen ja nicht, dass Menschen weiter von uns abhängig sind, wenn sie erst einmal in der Lage sind, auf eigenen Füßen zu stehen. Es ist eine Gefahr, aber ich denke nicht, dass es ein Problem ist.

SD: Wann und wie setzen Sie Ihren Schülern Grenzen?

KW: Es gibt dabei kein richtig oder falsch. Zuweilen muss man wirklich klare Grenzen setzen und in anderen Fällen mit Menschen nachsichtig sein, weil eine Grenze zu setzen nicht hilfreich wäre. Man muss spüren, wann es liebevoll ist und wann nicht. Standhaft zu bleiben ist manchmal das Liebevollste, was man tun kann; in anderen Fällen ist es das nicht. Das Gleiche gilt bei Kindern. Es ist schwer einzuschätzen, wenn man es nicht von innen heraus spürt. Aber wenn man sich belästigt fühlt, dann sollte man Grenzen setzen, weil man sonst mit seinem Opfergefühl beschäftigt ist, und das ist nicht hilfreich.

SD: Kann man nach alledem sagen, Ihr Rat an die, die zu lehren beginnen, lautet, einfach so weit wie möglich in dieser freundlichen und liebevollen Präsenz zu sein und zu versuchen, das Ego aus dem Spiel zu lassen, um herauszuhören, was am hilfreichsten für die Leute wäre?

KW: Ja. Es gibt auch ein Problem bei übertriebener Demut. Wenn man die Fähigkeit hat, Leuten zu helfen und man diese nicht ausübt, ist es nicht hilfreich. Wenn ich über bestimmte Informationen oder über Fachkompetenz verfüge oder es an mir als Person etwas gibt, das hilfreich sein könnte, und ich das dann vorenthalte und sage „Ich bin wirklich genau wie du“, dann ist es auf der Ebene der Form nicht wahrhaftig, auch wenn es auf der Ebene des Inhalts wahr ist. Also wäre es dumm und lieblos, eine Begabung, Menschen zu helfen, vorzuenthalten.
Der Grundgedanke ist, dass man sich nicht damit identifiziert, wie wir vorhin gesagt haben. Das ist der Punkt. Du identifizierst dich nicht mit dem, was du tust, oder mit dem, was Leute über dich sagen, du identifizierst dich mit der Liebe, die du in dieser ruhigen Mitte spürst.

Genau darin müssen wir stets bleiben und von dort die Speichen hinausführen lassen. – (Ende Teil 2)

Originaltitel: ’In Conversation with Kenneth Wapnick (Part 1)‘ bzw. ‘…. (Part 2)‘

Ins Deutsche übertragen von Hans Owesen.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von „Miracle Network in the UK“, das Schüler des ACIM (deutsch: EKIW) seit 1994 unterstützt.
Entnommen und übersetzt aus ihrem Magazin Miracle Worker, Ausgabe 97, Nov/Dec 2010 (Teil 1), bzw. Ausgabe 98, Jan/Feb 2011 (Teil 2)
Siehe www.miracles.org.uk.